BCGE_TVE

16. September 2026

Einen Index nachbilden, ohne die vollen Marktfriktionen zu tragen

Kolumne von Thierry Vessereau, institutioneller Portfoliomanager
Erschienen in Allnews - September 2026

Einen Index nachbilden, ohne alle darin enthaltenen Titel zu kaufen: Die multifaktorielle Methode reduziert Marktfriktionen und wiederkehrende Kosten.

Die Performance eines Index nachzubilden wird oft als weitgehend mechanischer Vorgang dargestellt: dieselben Titel zu denselben Gewichtungen kaufen und den Markt den Rest erledigen lassen. Die tägliche Praxis der Verwaltung optimierter Indexportfolios zeigt jedoch ein anderes Bild. Dreissig Jahre optimierter Replikation am Schweizer Markt — die Methode geht auf das Jahr 1995 zurück — bieten genügend Erfahrung, um zwischen Theorie und dem zu unterscheiden, was tatsächlich erreicht wird, sobald Marktfriktionen, Transaktionskosten und operative Zwänge berücksichtigt werden.

Grundsätzlich gibt es drei Wege, die Performance eines Index zu reproduzieren. Die erste, die vollständige Replikation, auch „reine“, perfekte oder nahezu perfekte Replikation genannt, besteht darin, alle oder fast alle Titel des Index mit ihren exakten Gewichtungen zu halten. Die synthetische Replikation hingegen basiert auf dem Einsatz von Derivaten, was ein Gegenparteirisiko mit sich bringt. Die hier vorgestellte optimierte Replikation wählt eine Teilmenge der Indextitel aus, um ein Portfolio zu konstruieren, dessen Risikoprofil — und nicht dessen nominelle Zusammensetzung — mit jenem des Benchmarks identisch ist. In breiten Anlageuniversen mit mehreren Tausend Positionen ermöglicht dieser Ansatz eine effiziente und operativ realistische Umsetzung.

Der optimierte Ansatz stützt sich auf eine multifaktorielle Marktmodellierung, die auf der finanzwirtschaftlichen Theorie der APT (Arbitrage Pricing Theory) beruht. Das Prinzip besteht darin, die gemeinsamen Kräfte — die Risikofaktoren — zu identifizieren, welche den grössten Teil der Preisbewegungen erklären, und anschliessend ein Portfolio aufzubauen, das gegenüber diesen Faktoren dieselben Sensitivitäten wie der Index aufweist. Das Modell wird monatlich aktualisiert. Das Replikationsziel besteht nicht darin, den Index aus Überzeugung zu übertreffen, sondern nach Abzug der Gebühren eine Tracking Difference von null oder leicht positiv zu erreichen.

Warum nicht einfach alle Titel kaufen? Weil die reine Replikation Transaktionen in weniger liquiden Titeln erfordert — und genau dort entstehen die Kosten: Am Schweizer Markt kann bei einem Indexportfolio von 300 Millionen Franken die Preiswirkung der Transaktionen jährlich bis zu 35 Basispunkte betragen. Die optimierte Replikation vermeidet diese Friktion, indem sie die Transaktionen auf eine begrenzte Zahl liquider Positionen konzentriert, welche die dominierenden Risikofaktoren des Index tragen.

Über die anfängliche Preiswirkung hinaus erzeugen wiederkehrende Vorgänge — die Wiederanlage von Dividenden und Coupons, periodische Indexanpassungen, Zeichnungen und Rücknahmen — einen kontinuierlichen Strom von Transaktionen. Bei breiten Indizes betrifft jeder Vorgang Dutzende oder gar Hunderte von Positionen. Durch die Reduktion der Anzahl Positionen und die Optimierung der erforderlichen Transaktionen senkt die optimierte Replikation diese wiederkehrenden Kosten strukturell. Dieser Vorteil zeigt sich nicht in einem Drei-Monats-Chart, wohl aber in der kumulierten Nettoperformance über fünf oder zehn Jahre. Die Erfahrung zeigt, dass die Fondsverwaltung mit dieser optimierten Indexierungsmethode über einen Zeitraum von zehn Jahren an den Schweizer Märkten einen Teil der Gebühren kompensieren und an den internationalen Märkten eine durchschnittliche jährliche Nettoperformance von 0,5% erzielen kann.

Zwei Prinzipien liegen dieser Methode zudem zugrunde. Erstens die Kostentransparenz: Die den Anlegern belasteten Gebühren spiegeln die tatsächlichen Kosten der Transaktionen wider, die in ihrem Interesse ausgeführt werden müssen, wobei unnötige Replikationsaktivitäten minimiert werden und keine Pauschalkosten anfallen. Zweitens die Stabilität des Ansatzes: Das heute verwendete Optimierungsmodell ist seit dreissig Jahren unverändert. Diese dreissig Jahre Praxis an den Schweizer und internationalen Märkten bestätigen über die Zeit, dass die optimierte Indexreplikation, weit entfernt von einem blossen Kunstgriff, ein robustes und relevantes Instrument bleibt, um einen Index mit minimalen Kosten nachzubilden und historisch eine konstante Performance zu erzielen.

Thierry Vessereau stiess im Juli 2019 zu BCGE Asset Management und wechselte im September 2026 zu Synchrony Asset Management, wo er als institutioneller Portfoliomanager für die passiven und aktiven Fonds der Synchrony-Palette tätig ist. Zuvor arbeitete er von 2005 bis 2019 bei der Bank Pictet & Cie zunächst als Projekt- und Entwicklungsleiter und anschliessend als Investmentspezialist im Bereich Indexation von Pictet Asset Management. Thierry Vessereau besitzt einen Masterabschluss in Informatik sowie einen Doktortitel in Wirtschaftswissenschaften.